bodenseewald
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Welchen Wald brauchen wir?

Mit vielen Bildern, Karten und Schilderungen haben wir versucht, eine Zustandsbeschreibung des Bodenseewaldes zu geben. Wir sollten uns aber auch fragen, wie unser Wald - im Gegensatz zum ist-Zustand - eigentlich sein, oder besser: werden sollte.

 

Wir sprechen hier von "unserem" Wald, obwohl die wenigsten Leser dieser Zeilen zu den Waldeigentümern gehören dürften. Aber vergleichbar dem Gedanken, dass wir die Erde nicht von unseren Vätern ererbt, sondern von unseren Kindern geliehen haben*, kann der Wald auch nie uneingeschränktes Eigentum eines Einzelnen sein! Ohne Wald, ohne die vielfältigen Funktionen, die er im Naturhaushalt erfüllt, wäre das Leben bei uns in der jetzigen Form wohl kaum vorstellbar. 

 

Und so steht die "Sozialbindung des Eigentums" bereits im Grundgesetz. Wenn es um das vielzitierte "Wohl der Allgemeinheit" geht, muss das Interesse am privaten Eigentum sich dem Gemeinschaftsinteresse unterwerfen. Insofern ist es naheliegend, dass sich die Allgemeinheit dort genauer informieren sollte, wo es um die "Bedeutung für die Umwelt, insbesondere für die dauernde Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes, das Klima, den Wasserhaushalt, die Reinhaltung der Luft, die Bodenfruchtbarkeit, das Landschaftsbild, die Agrar- und Infrastruktur und die Erholung der Bevölkerung" (Quelle) geht!

 

Dabei darf man nicht übersehen, dass im Bodenseekreis nur ein gutes Drittel der Waldfläche Kleinprivatwald (<200ha) ist, 42% jedoch Staats- oder Körperschaftswald und ein knappes Viertel Großprivatwald (Quelle). 

 

Wenn also allein in dem Teil des Waldes, der der öffentlichen Hand gehört, Verbesserungen durchgesetzt werden könnten, wäre schon viel gewonnen!

 

Man sage nun nicht, diese Forsten werden von staaatlichen Forstämtern bewirtschaftet, da sei die Bewirtschaftung im Sinne der Allgemeinheit ja schon gewährleistet. Dies darf mit Fug und Recht bezweifelt werden, auch diese Behörden werden nach dem Rentabilitätsprinzip geführt - ein städtischer Förster z.B. kommt nicht umhin, mit einem möglichst positiven Betriebsergebnis für den Haushalt des Stadtkämmerers beizutragen! 

 

Das und manch Anderes mag dazu führen, dass auch bei einer staatlichen Forstbehörde nicht über den Tellerrand hinaus gesehen wird. So beklagt der Forstamtsleiter des Bodenseekreises den Rückgang der Nadelbäume, vor allem der Fichte. Leider habe die bisherige Gegensteuerung, die aktive Pflanzung von Fichten, nicht ausgereicht, diesen rückläufigen Trend zu stoppen (Südkurier vom 16.2.16 Quelle). Auch im Südkurierbericht vom 10.12.16 "Müssen auf die Fichte setzen" empfahl er explizit die Aufforstung auf "geeigneten Böden und Lagen".

 

Dies kritisiert der unabhängige Förster Andreas Thiel in einem Leserbrief in derselben Zeitung (Quelle): Das Land Baden-Württemberg schließe am Anfang eines Jahres Lieferverträge mit der Holzindustrie, bei denen Preis und Liefermengen festgelegt würden, die öffentliche Hand wirtschafte aber schon lange an der Grenze der Nachhaltigkeit, und so sei das Land auf den Holzeinschlag aus den Privatwäldern angewiesen. (Dabei muss man wissen, dass ein Großteil des Kleinprivatwaldes von staatlichen Forstämtern verwaltet wird.)

 

Nicht unerwähnt bleiben sollte die Tatsache, dass der Forstamtsleiter durchaus auch die Problematik von Fichtenkulturen anspricht, so z.B. ihre Anfälligkeiten gegenüber Sturm und Schädlingen. Und trotzdem plädiert er ständig für die Fichte als "Symbolbaum gelungener Wiederbewaldung". Diese ambivalente Haltung gegenüber der Fichte zeigt zum Einen, dass die Thiel'sche Kritik ganz augenscheinlich nicht unberechtigt ist und zum Anderen die Wichtigkeit einer umfassenden Information für die breite Öffentlichkeit!

 

Auf die Fichte und die damit verbundene Problematik gehen wir hier detailliert ein.

Wenn wir also den staatlichen Forstämtern die führende Rolle bei der zukünftigen Gestaltung "unseres" Waldes nicht so recht zutrauen wollen, was dann? Wir sind sicher, wir brauchen kein neues Wissen und kein neues Instrumentarium, wir müssen nur Vorhandenes und Bekanntes gezielt anwenden!

 

Jeder Waldbesitzer möchte mit seinem Eigentum Geld verdienen, ein legitimes Verlangen, das durch die Sozialbindung des Eigentums gewissen Grenzen unterliegt (einem privaten Waldbesitzer, der deswegen wirtschaftliche Eigeninteressen hintan stellen muss, sollten Entschädigungen gewährt werden). Demgegenüber sollten Staats- oder Körperschaftsforsten in weit größerem Maß dem Allgemeinwohl verpflichtet sein und nicht danach schielen, wie und wo man die höchste Rendite erwirtschaften kann. Mit dieser Forderung ist aber auch auf die verantwortlichen Kommunal-, Landes- und Bundespolitiker gezielt, die die wirtschaftlichen Vorgaben für die Forstämter erstellen und durchsetzen! 

 

Nur eine informierte Öffentlichkeit kann ihre Abgeordneten auch bei komplexeren Themen kontrollieren - wenn auch leider nur in gewissen Grenzen. (Nur ganz nebenbei: Von einer "Grünen" Landesregierung in Stuttgart hat sich wohl mancher mehr erhofft!)

 

Im Hinblick auf die Anforderungen an "unseren" Wald können wir eigentlich feststellen, dass sich die jüngeren wissenschaftlichen Erkenntnisse gar nicht so sehr von unseren Vorstellungen unterscheiden! 

 

So formulieren z.B. Landes- und Bundesforschungsanstalten zusammen mit der Eidgenössischen Forschungsanstalt auf dem gemeinsamen Internetportal "Waldwissen.net" (Quelle) zwar im Hinblick auf die Senkung des forstlichen Sturmrisikos, aber welcher Eigentümer könnte sich davon schon ausgenommen fühlen:

 

"Waldbauliche Maßnahmen wirken nicht von heute auf morgen, sondern sie sind langfristig angelegt. Der "Gemischtwarenladen Wald" sollte dabei das Ziel sein, das heißt, man sollte strukturreiche, standortgerechte Mischbestände schaffen. Vor allem die Beimischung von Laubbaumarten wie z. B. der Buche, senkt das Risiko. Ebenso wichtig ist Förderung und Sicherung der Naturverjüngung, sobald diese sich einstellt (Verbiss!). Vorteil der Naturverjüngung gegenüber gepflanzten Bäumen ist das bessere Wurzelwachstum, das die Stabilität positiv beeinflusst. In (Fichten-) Reinbeständen helfen Voranbauten (von Buche oder Tanne), um die fehlenden Mischbaumarten einzubringen. Mit einer gesicherten Naturverjüngung steht sozusagen die nächste Generation kostengünstig in den Startlöchern bereit, egal ob ein Sturm kommt oder nicht.

Neben Maßnahmen im Bestand kann auch durch die Gestaltung des Waldrandes Einfluss genommen werden. Dabei sollten Waldränder flach ansteigend und winddurchlässig aufgebaut werden.

Durch eine Standraumerweiterung in der frühen Jugend wird das Grobwurzelwachstum des Einzelbaumes gefördert und dessen Stabilität und die des Bestandes verbessert. Daher ist es wichtig, zeitig Z(ukunfts)-Bäume festzulegen, und diese dann in einer frühen starken Durchforstung konsequent freizustellen und zu fördern. Spätere schwächere Durchforstungen erfolgen regelmäßig, wobei nicht in die herrschende Bestandesschicht eingegriffen werden sollte. Stammverletzungen, die eine Einstiegspforte für Pilze und Fäuleerreger bieten, sind durch eine saubere Waldarbeit zu vermeiden und beschädigte schlechtförmige Bäume aus dem Bestand zu entnehmen...."

 

Strukturreiche Mischbestände - also keine reinen Fichtenwälder! Naturverjüngung - keine Kahlhiebe! Weitergehende Forderungen an den Bodenseewald haben wir nicht! Standortgerechte Mischwälder und nachhaltige Bewirtschaftung (die ihrem Namen gerecht wird!) - mehr muss es gar nicht sein. 

 

Für den Waldbesitzer würde eine derartige Forstpolitik größere Sicherheit vor Windbruch und Schädlingsbefall bedeuten, letztendlich also eine Erhöhung der Rentabilität!

 

Last but not least sei noch auf das Plentern (Quelle) verwiesen, das sich auch nicht mehr wesentlich von den oben vorgeschlagenen Maßnahmen unterscheiden würde. Aber vermutlich wäre die dafür zu leistende Überzeugungsarbeit zu groß! So sei es nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

 

)* altes indianisches Sprichwort, das im deutschen Sprachraum durch den Zeichner und Dichter Wilhelm Busch (1832 –1908) bekannt gemacht worden ist: "We do not inherit the world from our ancestors; we borrow it from our children"

 

 

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