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Der "Brotbaum" der Forstwirtschaft

Beginnen wir mit der vom Forstamtsleiter zitierten, gelungenen Wiederbewaldung nach der Holznot im 18. und 19. Jahrhundert, sowie dem (u.a.) in Holz geleisteten Reparationsausgleich nach dem II.Weltkrieg. Die gelungene Wiederaufforstung, so gibt er damit zu verstehen, sei der Fichte zu verdanken. 

 

Dieser Feststellung wollen wir nicht widersprechen. Die Fichte ist ein relativ schnell wachsender Baum mit vorzüglichen Eigenschaften auch und gerade im Bauwesen. Eigenschaften, die für den Wiederaufbau der aufstrebenden Bundesrepublik nach dem Krieg und für die Wirtschaftswunderjahre dringend gebraucht wurden. 

Es fragt sich nur, ob man die damalige Vorgehensweise auch aus heutiger Sicht noch als "gelungen" bezeichnen kann?! Unzweifelhafte Tatsache ist, dass in der jüngeren Vergangenheit Extrem-Wettersituationen zugenommen haben. Ob man das nun schon als Folge des Klimawandels bezeichnen mag oder nicht - sie gehen jedenfalls auch am Wald nicht spurlos vorbei! Die eklatantesten und für jedermann sichtbaren Auswirkungen sind die Stürme der letzten Jahre, so z.B. Vivian und Wiebke (1990), Lothar (1999), Christian (2013) oder Niklas (2015).

 

Was das mit dem "Brotbaum Fichte" zu tun hat? Nun, die verschiedenen Baumarten reagieren unterschiedlich stark auf die während eines Sturms auf sie wirkenden Kräfte! Bei Waldwissen.net heißt es:

 

Wichtige Risikofaktoren

Die Wahl der Baumart hat den größten Einfluss auf die Standfestigkeit. Im Falle eines Wintersturmes sind die kahlen Laubbäume weniger gefährdet als Nadelbäume. Fichte, Tanne und Douglasie sind die Baumarten mit dem höchsten Risiko, denn sie bieten mit ihren Kronen eine breite Angriffsfläche für den Wind. Auswertungen der Sturmschäden von Lothar haben ergeben, dass die Beimischung von Laubbaumartern mit einem Anteil 10 bis 20 % einen Bestand deutlich stabilisiert. Auch eine Mischung mit andern Nadelbaumarten, wie z. B. Kiefer und Lärche kann einen Bestand stabilisieren. Ferner bildet die Fichte auf vernässenden oder tonigen Böden sowie bei zu engem Standraum in der Jugend sehr flache Wurzeln aus. (Quelle)

 

Die Untersuchungen der Sturmwurf-Standorte nach den Orkanen zeigten, so ist bei planet-schule.de (SWR und WDR) zu lesen, dass es auch entscheidend sei, ob es sich um Nadel- oder Laubbäume handelte. Ein Grund dafür: Zur Zeit der häufigsten Stürme, im Winter, haben die Laubbäume ihre Blätter abgeworfen und bieten mit der nun geringeren Oberfläche weniger „Angriffsfläche“ für den Sturm. Fichten sind besonders anfällig wegen ihrer geringen Wurzeltiefe. Auch die Bestandsstruktur spielt eine wichtige Rolle. Mehrschichtige Bestände sind widerstandsfähiger als einschichtige, vermutlich weil sie den Wind besser abbremsen können. (Quelle)

 

Es herrscht weitgehend Einigkeit in der Beurteilung: Über 70% der geworfenen Bäume waren Nadelbäume! Und so wendet man sich von den ehemals als gewinnträchtig erachteten Forsten ab - hin zu naturnahen, standortgerechten Wäldern. Auf etwa 50% der Sturmwurfflächen plant man Nadelbaummischbestände mit Fichte, Tanne und Buche. Auf knapp 50% sind Laubwaldmischbestände geplant mit Buchen und Eichen. (Quelle, siehe Wiederbewaldung)

 

Diese Sturmschadensereignisse standen natürlich auch schon im Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen, so z.B. in der Dissertation von Albrecht Axel (2009, Sturmschadensanalysen langfristiger waldwachstumskundlicher Versuchsflächendaten in Baden-Württemberg. Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Brsg.). Er schreibt u.a.:

 

Die Baumarten- und Baumhöheneffekte haben auch für die Erklärung von Sturmschäden mehrerer Sturmereignisse den größten Einfluss.
Der erhebliche Einfluss (ca. 20 %) der waldbaulichen Eingriffe ließ sich vorwiegend durch die relative Entnahmestärke während der fünf bzw. zehn Jahre vor dem Sturmereignis quantifizieren.
Die Wirkung des Durchforstungsquotienten im Modell weist insbesondere bei größeren Bestandeshöhen (Vorratspflege) auf labilisierende Einflüsse von Eingriffen ins Herrschende hin.
(Quelle

 

Somit dürfte hinreichend belegt sein, dass der "Brotbaum der Forstindustrie" diesen ehrenden Titel nicht uneingeschränkt verdient hat! Schon aus den wenigen oben zitierten Äußerungen geht hervor, dass entsprechend aufgebaute Mischwälder (Nadel- oder Laubmischwald) den Stürmen ganz anders hätten standhalten können, wodurch die Schadenshöhe vermutlich deutlich niedriger gewesen wäre.

 

Hinzu kommt, dass Waldbesitzer in dem Bestreben, schnellen Profit zu erzielen, die Fichte auch an ungeeigneten Standpunkten anpflanzen. Die Fichte - und auch das ist bekannt - stellt nicht geringe Ansprüche an ihren Standort. Waldprinz.de schreibt:

 

Über 500m!

Ein erheblicher Teil Deutschlands ist für den Fichtenanbau zu warm. Nur die Mittelgebirge Deutschlands und die Alpen sind die natürlichen Vorkommen der Fichte. Vor allem in niederschlagsreichen Gebirgslagen fühlt sie sich wohl. Harz, Schwarzwald, Erzgebirge, Fichtelgebirge, Thüringer Wald und Bayerischer Wald sind die Fichten-Domänen Deutschlands. Das normale mitteleuropäische Verbreitungsgebiet der Fichte liegt in 500 – 1.800 m Höhe.

 

Das Forstamt in Friedrichshafen empfiehlt die Aufforstung mit Fichte auf geeigneten Böden und Lagen, leider aber ohne auf die bei uns durchaus vorhandenen, kritischen Höhenlagen unter 500m einzugehen, oder von der vorwiegend praktizierten Monokultur abzuraten. Dabei sind sich die Wissenschaftler einig, dass sich die Sturmhäufigkeit in der näheren Zukunft weiter erhöhen wird. 

 

 

Fichte im Oberen Aacheck:

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